Mittwoch, 09.09.2009
Der Onkel
Wir waren vergagene Woche auf der Beerdigung einer unserer Mitarbeiter. Ein trauriges und emotionales Erlebnis und gleichzeitig eine einzigartige Lehrstunde über Traditionen und Volksglauben.
Da wäre die Totenwache, bei der die Familie, Freunde und Nachbarn zusammenkommen. Matratzen, Bastmatten und Liegestühle werden aufgestellt, eine schnarrende Stereoanlage erfüllt die Nacht mit Liedern. Aus Bambusstangen und Plastikplanen bauen einige junge Männer ein Zeltdach gegen den Regen auf und Holzfeuer wärmen und spenden Licht.
Da wäre das Wechselspiel zwischen Lachen und Weinen. Während bei uns eine Beerdigung eher von getragener Stille und dem Andenken geprägt ist, werden im Kongo Emotionen offen gezeigt. Lautes Weinen, Schluchzen und Schreien wechselt sich mit fröhlichem Plaudern und Lachen ab. Manchmal so unvermittelt, dass unsereins überrascht ist. Und doch ist es nur ein Spiegel des Lebens hier: Freud und Leid, Leben und Tod, Trauer und Freude liegen im kongolesischen Alltag nahe beieinander. Es prägt Menschen und ihre Art, mit jenen Ereignissen umzugehen.
Und schliesslich wäre da "l'oncle" - der Onkel. Wohl die verblüffendste Tradition. Doch zuerst etwas Hintergrund: Stammesgeschichte hat hier - so viel ist bekannt - grosse Bedeutung. Sie ist oft über Jahrhunderte von Mund zu Mund überliefert worden. Meist erklärt eine Familiengeschichte, wie sich Geschwister getrennt haben und unterschiedliche Stämme entstanden sind. So auch bei den Budu und Nande. Seit jener Zeit der Trennung sind sich die Budu und Nande gegenseitig "Onkels". Dem Onkel des jeweils anderen Stammes kommt eine gehörige Bedeutung zu. Oder ungehörige, je nachdem, wie man es sieht.
Denn der Onkel wird immer wieder bei Festivitäten und Zeremonien wie Todesfällen und Hochzeiten auftauchen - um zu stören. So auch bei unserer Beerdigung. Zur Grablegung unseres Mitarbeiters, ein Budu, tauchte ein Nande auf. Der Nande-Onkel beharrte zunächst lautstark darauf, das Auto mit dem Sarg zu chauffieren und als ihm dies verweigert wurde, blockierte er kurz darauf den Trauerzug durch die Stadt mit seinem Motorrad. Nicht nur einmal, nein zwei Mal! Selbst am Grab noch schwang er Reden und störte mit Kommentaren. Auf ein Kopfschütteln unsererseits folgte die Erklärung. Wir hätten noch Glück gehabt. Denn ein beharrlicher Onkel könne selbst ins Grab steigen und erst wieder herauskommen, wenn man ihm eine Auslöse zahle. Ein Onkel kann teuer werden!
Wir kamen glimpflich davon. Zwar wollte sich der angetrunkene Onkel noch für einen Job als Zimmermann bei uns empfehlen, doch ein anderer Mitarbeiter, auch ein Budu, nahm sich des Onkels an und verhinderte weitere Querelen. Was sie unter sich ausgmeacht und verhandelt haben, wissen wir nicht. Jedenfalls herrschte anschliessend Ruhe.
von peek um # 10:02 in Kulturelles