Freitag, 18.09.2009
Ein Jahr LRA: Ein Opfer erzählt
Gestern war Jahrestag. Ein trauriger Jahrestag. Denn am 17. September 2008 startete die Lord’s Resistance Army ihren blutigen Feldzug, in dem sie zwanzig Dörfer an einem Nachmittag überfiel. Sie entführen Kinder, plündern Häuser und töten: 141 Menschen kamen an diesem Tag ums Leben. Heute habe ich im Flüchtlingscamp von Dungu Aimé besucht, die sich an den Schreckenstag noch genau erinnert:
„Als sie in unser Dorf Duru kamen, verstellten sie sich als freundliche Besucher. Sie grüssten uns und scherzten, als sie an uns vorüber gingen. Wir wussten ja nicht, wer sie waren,“ fügt sie leise hinzu als müsste sie sich dafür entschuldigen, dass niemand verhinderte, was dann geschah. Die Rebellen holten plötzlich Waffen hervor und nahmen die Schule ins Visir. Aimés sechzehnjährige Tochter Suzanne sass an einer der Schulbänke. Einige Kinder versuchten, die Fenster einzuschlagen und zu fliehen, doch die Rebellen hatten sie umzingelt. Aneinandergebunden wie Sklaven wurden sie abgeführt, entführt.
Die Schule, der Markt, das katholische Konvent standen anschliessend in Flammen. Aimé hat seit jenem Tag ihre sechzehnjährige Tochter Suzanne nicht mehr gesehen. Welches Schicksal im Rebellencamp der LRA wohl auf sie gewartet hat, darüber mag Aimé nicht nachdenken und schon gar nicht sprechen. Zu grausam, der Gedanke, dass das Mädchen wahrscheinlich zur „Ehefrau“ für einen der Offiziere oder gar für den Anführer Joseph Kony selbst auserwählt wurde.
Drei Tage lang versteckte sich Aimé mit ihren vier jüngeren Kindern im Wald. Selbst das Weinen verbot sie ihnen. Jeder Laut konnte sie verraten und ihnen das Leben kosten. Nicht mehr als ihre Kleider am Leib hatten sie als sie sich schliesslich zu einem 90 Kilometer langen Fussmarsch nach Dungu, der Hauptstadt des Bezirks, aufmachten. Hier leben sie seitdem in einem kleinen Flüchtlingscamp. Ihre Bleibe ist aus Stecken und Palmblättern gebaut, eine Plastikplane vom UN-Flüchtlingshilfswerk schützt etwas vor den schweren Tropenregen. Doch mit der Not kam auch bald das Elend. Aimés Jüngste
bekam vor wenigen Wochen starken Durchfall – und starb daran.
Mit über 100 anderen Familien teilt sich Aimé das Kochgeschirr, die Feuerstellen, den kleinen Bambusunterstand, wo sie sich tagsüber unter dem schattenspendenen Palmdach zusammen setzen. Irgendwann stellt dann immer jemand die Frage: Warum haben uns ugandische Rebellen überfallen? Warum töten sie uns?
Ein Jahr später gibt es darauf immer noch kaum Antworten. Vor wenigen Tagen haben die Rebellen das Dorf Bangadi überfallen und dort erneut mehr als 10 Menschen umgebracht und zahlreiche Personen entführt. Das Morden geht weiter. Ein katholischer Priester, den ich diese Woche besucht habe und der den Konflikt und die Hintergründe der LRA gut kennt, fasst es in einem Satz zusammen: „Kony tötet, um zu töten.“
von peek um # 15:36 in Berufliches
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